Zukunft als Möglichkeitsraum

Zukunft als Möglichkeitsraum


Informationen reduzieren Unsicherheit. Demnach sollte uns das Thema Unsicherheit nicht weiter beschäftigen. Warum tut es uns das dennoch?


Wir leben in einem Informationszeitalter, das unser Gehirn vor große Herausforderungen stellt. Wenn wir mit mehr Reizen (Informationen) konfrontiert sind, als wir verarbeiten können, ist unser Gehirn nicht mehr in der Lage diese zu geordneten Gedanken zu verarbeiten. Es entsteht ein Rauschen (engl. Noise).


Wenn wir in unserem Alltag mit zu vielen, teilweise widersprüchlichen, Informationen konfrontiert sind, wissen wir zwar mehr, verstehen jedoch weniger. In weiterer Folge nimmt Unsicherheit zu anstatt zu sinken.


„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Sokrates


Wir Menschen haben verlernt mit Ungewissheit umzugehen; es schlichtweg „nicht zu wissen“. Die Antwort auf eine Frage (Reiz) ist meistens nur ein paar Klicks entfernt. Tritt eine komplexe Ungewissheit (z.B. geopolitische Krise) auf den Plan, für die es keine Antwort gibt, reagiert unser System mit überproportionalem Stress.


In der informationsreichsten Zeit der Menschheitsgeschichte fühlen wir uns unsicherer denn je und das ist das Paradoxon der heutigen Zeit.


Wenn wir an die Zukunft denken, fühlen wir uns heute orientierungsloser als früher.


Zukunft ist kein Zielzustand


Die Zukunft hat uns Menschen seit jeher in ihren Bann gezogen.


Wie wir Zukunft wahrnehmen hat einen großen Einfluss darauf, mit welcher Zukunft wir uns konfrontiert sehen.


Unsere bisher gemachten Erfahrungen und uns zur Verfügung stehenden Informationen haben maßgeblichen Einfluss darauf, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Welchen Einfluss die Vergangenheit auf unsere Zukunft hat, ist vielen Menschen und Organisationen nicht bewusst. Unsere Entscheidungen von damals und heute haben Auswirkungen darauf, welche zukünftigen Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen. 


Zukunft ist nämlich keine lineare Linie und folgt selten einem Plan.


„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“

Blaise Pascal (1623 - 1662 franz. Mathematiker & Physiker)


Betrachten wir das große Thema Zukunft aus einer anderen Perspektive und stellen wir uns Zukunft als Möglichkeitsraum vor.


Unsere Entscheidungen haben uns an den Punkt gebracht, an dem wir uns heute befinden.

Grafik zeigt vergangene Entscheidungswege als Linien die in der Gegenwart zusammenlaufen

Stelle dir dein Leben als riesige Landkarte voller Abzweigungen vor. Was wären, wenn du dich damals für einen anderen Beruf entschieden hättest? Was wäre, wenn du in ein anderes Land ausgewandert wärst? Was wäre, wenn du dich damals für eine andere Abzweigung entschieden hättest?


Die früheren Entscheidungen definieren die Grenzen unseres Möglichkeitsraums.


Diese Grenzen zwingen uns Menschen und in weiterer Folge Organisationen zu Kreativität und Innovation. Anhängig durch welche Merkmale (Kontext) unsere Umwelt gekennzeichnet ist, treffen wir andere Entscheidungen und bewegen uns mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten durch diesen Raum.

Grafik zeigt Zukunft als fächerartigen Möglichkeitsraum ausgehend vom gegenwärtigen Moment

Mit welcher Zukunft wir uns schließlich konfrontiert sehen, hängt maßgeblich von unseren Entscheidungen ab.


Entscheidungen definieren die Grenzen des Möglichkeitsraums


ntscheidungen sind weder Schwarz noch Weiß, sondern Nuancen von Grau.


Wir können im Vorfeld nur begrenzt einschätzen, ob uns eine Entscheidung unserem gewünschten Ziel näher bringt oder nicht. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, Entscheidungen unter dem Gesichtspunkt zu treffen, dass uns dadurch mehr Optionen zur Verfügung stehen.


Waren alle Entscheidungen, die du in der Vergangenheit getroffen hast immer die besten? Wahrscheinlich nicht und dennoch war es in diesem Moment die beste.


Wie wir Entscheidungen treffen macht den Unterschied. Abhängig von Umfang und Tragweite spielen wir bewusst oder unbewusst verschiedene Szenarien gedanklich durch, woraus sich wiederum unterschiedliche Optionen ergeben.


Daniel Kahnemann unterscheidet zwischen schnellem (intuitiven) und langsamen (bewussten) Denken. Schnelles Denken wird von unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit beeinflusst. Langsames Denken ist dem gegenüber ein zeit- und energieintensiverer Prozess, der notwendig ist, wenn wir uns mit einer neuen oder komplexen Situation konfrontiert sehen.


Neue und komplexe Situationen benötigen Aufmerksamkeit und daran hakt es. Unser Alltag ist hektisch und wir werden konstant mit Informationen (Reizen) überflutet. Dies kann dazu führen, dass wir die Tragweite einiger Entscheidungen unterschätzen und wir mit unerwünschten Konsequenzen, die z.B. in Form von Sackgassen, in Erscheinung treten lernen müssen umzugehen.


Derartige Entscheidungen grenzen unseren Möglichkeitsraum ein und angesichts der exponentiellen Entwicklung, mit der wir uns in unserem privaten und beruflichen Alltag konfrontiert sehen, sind wir als Menschheit gut beraten, uns die nötigen Freiräume freizuschaufeln, um nicht in einer Sackgasse zu landen.


Was für uns Menschen gilt, gilt für Organisationen genauso.


Viele sind sich dessen nur (noch) nicht bewusst.


Das Organisationsdesign, die Betriebslogik (Operating Model), Unternehmenskompetenzen, Governance, historische Entscheidungen, usw. definieren den Möglichkeitsraum der Organisation und somit welche Türen offen stehen und welche sich bereits geschlossen haben.


Im Unternehmensalltag werden eine Vielzahl von Entscheidungen getroffen und einige davon haben Auswirkungen auf den Möglichkeitsraum. Dies geschieht nicht durch schlechte Absicht, sondern ist vielmehr die Konsequenz vom Tagesgeschäft, die langsames Denken verhindert. Firefighting statt Weitsicht.


Zukunftsfähigkeit ist eine organisatorische Kompetenz, in erster Instanz damit beginnt, frühzeitig zu erkennen, wann Veränderung notwendig ist. Denn sobald wir erkennen, dass Veränderung notwendig ist, ist es meistens schon zu spät. In einem derartigen Szenario hat sich der Möglichkeitsraum bereits verengt; es stehen weniger Optionen zur Verfügung, wodurch wiederum der Druck steigt.


Zielgerichtete Organisationsgestaltung beginnt mit Bewusstsein. Bewusstsein über die Vision (Orientierung), wie Arbeit in der Organisation aktuell funktioniert (Ausgangssituation), über den zur Verfügung stehenden Möglichkeitsraum (Landkarte) und über die weitere Entwicklung des übergeordneten Systems.


Welche Zukunft ermöglicht werden soll, muss jede Organisation für sich herausfinden und ihr Schicksal - im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten - selbst in die Hand nehmen.


Stell dir nun den Möglichkeitsraum eurer Organisation vor: Welche Sackgasse habt ihr zuletzt erfolgreich verlassen und welche neuen Möglichkeiten haben sich daraus ergeben? 


Wenn du auf diese Frage noch keine Antwort hast, ist das ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch.


Dem Thema Zukunftsfähigkeit widme ich mich im nächsten Beitrag, Was sie bedeutet, warum sie so selten vorkommt und was Organisationen tun können, die ihren Möglichkeitsraum bewusst gestalten wollen.

Fünf blaue Rechtecke unterschiedlicher Höhe als Symbol für unverbundene Teilbereiche
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Organisatorische Leistungsfähigkeit entsteht nicht in den Teilen, sondern im Zusammenspiel. Wer nur optimiert, verliert den Blick auf das Gesamtsystem.
von Hannes Alton 7. Mai 2026
Strategien scheitern nicht am Plan, sondern an der Organisation die ihn umsetzen soll. Organisation ist das Fundament auf dem alles andere aufbaut.
Grafik zeigt Zukunft als fächerartigen Möglichkeitsraum ausgehend vom gegenwärtigen Moment
von Hannes Alton 30. April 2026
Zukunft folgt selten einem Plan. Sie ist ein Möglichkeitsraum – definiert durch vergangene Entscheidungen und geformt durch jene, die wir heute treffen.